Landkinder sind wieder im Nachteil - von Kitas, Gutscheinen und der Zukunft
| Von wuethrich @ 10:37 | [ Politik ] |
Ab sieben Jahren sollen Kinder die erste Klasse besuchen und in der obligatorischen Schule das nötige Wissen fürs Leben erwerben. Zur Vorbereitung ist der Kindergarten gedacht, der während einem Jahr oder während zwei Jahren vor dem Schuleintritt besucht wird. Im Kanton Bern sind das bereits über 84 Prozent der Kinder, die einen zweijährigen Kindergarten besuchen. In Huttwil sind es etwa 50 Prozent. Mit dem HarmoS-Konkordat werden die Kinder fortan flächendeckend den Kindergarten während zwei Jahren zu besuchen haben.
Dies ist völlig richtig. In einem Interview mit der Berner Zeitung vom 14. Februar 2009 hat der Bildungswissenschaftler Thomas Jaun erklärt, dass Kinder in den frühen Jahren sehr viel lernen. Kinder, die Kindertagesstätten besuchen, hätten eine grössere Chance später das Gymnasium zu besuchen. Es geht aber nicht nur darum einen möglichst hohen Bildungsabschluss zu erlangen, sondern um die Chancengleichheit zu gewährleisten. Was Kinder im Vorschulalter nicht lernen, kann ihnen die obligatorische Schulbildung nicht mehr beibringen.
Im Kanton Bern sind mit der Einführung von Tagesschulen (unter gewissen Anforderungen, wenn dies die Eltern verlangen) und mit dem Projekt Basisstufe gute Entscheide für die Kinder von Morgen getroffen worden. Auch in Huttwil wird die Einführung einer Tagesschule diskutiert und ins Auge gefasst. Das wird die Gemeinde etwas kosten, ist aber sinnvoll investiertes Geld. Mit der Tagesschule kann vielen Kindern eine Tagesstruktur gegeben werden. Da die Massnahme freiwillig ist, haben die Eltern weiterhin die volle Erziehungsverantwortung.
Die Basisstufe ist die Möglichkeit individuell auf die Entwicklung der Kinder einzugehen. Nicht jedes Kind ist mit sieben Jahren bereit für die Schule. Aber andere Kinder sind vielleicht schon mit fünf Jahren soweit. In Oeschenbach im Oberaargau und in weiteren Gemeinden wird die Basisstufe in Pilotprojekten getestet. Offenbar mit Erfolg. Oeschenbach zeigt, dass dieses Modell auch in ländlichen Gemeinden durchgeführt werden kann.
Wo wir auf dem Land aufpassen müssen, um die Bildungschancen unserer Kinder nicht zu schmälern, ist im Bereich der Kindertagesstätten (Kitas). Sie sind eben nicht nur dazu da, den Mamis und Papis das Arbeiten und Kinderkriegen unter einen Hut zu bringen und damit die Wertschöpfung zu steigern. Sie sind auch wertvoll für die Kinder. Im besagten Interview mit Thomas Jaun wird von Bildungskitas gesprochen. In Bildungskitas werden Kinder gemäss ihren Bedürfnissen von Erzieherinnen und Erziehern optimal unterstützt, um sich weiterzuentwickeln. Versuche laufen in der Stadt Zürich, Bern ist interessiert.*
Wenn ich anschaue, wo heute die meisten Kita-Millionen investiert werden (und wo das grösste Bedürfnis besteht), stelle ich fest, dass der ländliche Raum hier selber eine Chance verpasst. In diesem Sinne mein Appell: Mehr Kitas für den ländlichen Raum!
*Von meiner Freundin arbeitend in der Stadt Luzern in einer Kita höre ich das Gegenteil: Die Qualität der pädagogischen Arbeit soll reduziert und die Anzahl Kinder pro Gruppe erhöht werden. Auf die individuelle Förderung können die Angestellten mit immer mehr Kindern nicht mehr eingehen wie in den letzten Jahren. Das System der Bildungsgutscheine fördert diese Tendenz noch. Die gut ausgebildeten Kleinkinderzieherinnen und –Erzieher (die es auch gibt) werden zu günstigen Babysitter degradiert. Wenn es soweit kommen sollte, dass Kinder von wohlhabenden Eltern in Bildungskitas gehen können und Kinder aus einkommensschwachen in Kinderhorten vegetieren müssen, ist die Chancengleichheit im Eimer. Soweit darf es nicht kommen.
















