An der gestrigen Trauerfeier für Ernst Leuenberger nahm ich Abschied von einem ehemaligen Arbeitgeber. Ernst war aber nicht ein normaler Chef. Als persönlicher Mitarbeiter arbeitete ich sehr eng mit ihm zusammen, sein privates Büro kannte ich fast auswendig. Kennengelernt haben wir uns an der Feier in Ursenbach als Ernst im Dezember 1997 in seinem Heimatort als Nationalratspräsident empfangen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass wir im Nachbardorf von Ursenbach, in meiner Heimatgemeinde Walterswil, eine SP-Sektion gründen wollten.
Ernst fand dieses Vorhaben sehr vorbildlich und versprach in seiner Ansprach in Ursenbach, dass er am 1. April 1998 an die Gründung der SP Walterswil kommen werde. Ernst hat sein Wort gehalten und hat als höchster Schweizer eine kämpferische Rede gehalten. Ich besuchte Ernst ab und zu im Bundeshaus. Ich kann mich noch gut erinnern wie wir zu zweit im Nationalratspräsidentenzimmer geraucht haben und über Gott und die Welt diskutiert haben (eigentlich sollte ich eher schreiben „Büro der Nationalratspräsidentin“, weil Ernst das Schild ob der Türe nicht ändern liess, um einmal zu merken wie es ist wenn man(n) mitgemeint ist).
Damals war ich vorgesehen als JUSO-Nationalratskandidat. Weil André Daguet keinen Platz auf einer der 13 Männerlinien gefunden hat, wurde ich bearbeitet meinen Platz für den unterlegenen Daguet zu räumen. Ernst ist sicher nicht unbeteiligt, dass ich damals trotz allem nominiert wurde und als 19jähriger mit all den bekannten SP-Männern kandidieren konnte.
Im Januar 2001 absolvierte ich gerade die Unteroffiziersschule in Burgdorf als mich Ernst anrief und mich anfragte, ob ich sein parlamentarischer Assistent werden möchte. Ich hatte damals noch keine Ahnung was ich nach meinem Kassier-Job im Migros neben dem Studium arbeiten wollte. Als ich Ernst offenbarte, dass ich auch noch die Offiziersschule besuchen möchte, runzelte Ernst die Stirne. Meine Begründung, dass ich dies als persönliche Herausforderung betrachte und es ja auch wichtig sei, dass SP-Leute in den Offiziersrängen der Schweizer Armee zu finden sind, hat er widerwillig akzeptiert, dass ich erst auf den 1. November 2001 bei ihm anfing.
Ich habe Ernst das Politisieren erleichtert, pflegte ich zu sagen auf die Frage was ich arbeite. Für Ernst habe ich den Wahlkampf 2003 und 2007 organisiert. Mit dem Roten Pfeil der Oensingen-Balsthal-Bahn (OeBB) sind wir im ganzen Kanton präsent gewesen. Ernst wurde jeweils fulminant wiedergewählt. Es war einfach für Ernst Wahlkampf zu machen. Man kannt ihn und er war akzeptiert. Meine Idee nur seine Initialen „EL“ als grosses Transparent an den Jura zu hängen, fand er für einen Ständerat dann doch etwas zu modern. Von seiner Art als Politiker aufzutreten, habe ich viel gelernt. Wir haben auch viel über die Arbeit als Politiker diskutiert. Das Staatsmännische eines Ständerates gefällt mir noch heute.
Am interessantesten waren für mich jeweils die Samstagnachmittage. Ich arbeitete oft am Samstag für Ernst. Am Nachmittag diskutierten wir oft zusammen. Dabei lernte ich immer sehr viel über Geschichte und den Staat. Auch über Personen. Wir haben viel „getratscht“ und Zusammenhänge gesucht. Wenn wir etwas nicht gewusst haben, suchten wir im Internet oder in einem Buch. Ernst hatte eine sehr spannende Bibliothek. Diese hat mich immer sehr imponiert.
Ernst war es immer wichtig auch meine Meinung zu hören. Er hat mich ernst genommen. Ich erinnere mich, wie wir über die Frage diskutiert haben, ob Homosexuelle Kinder adoptieren können oder nicht. Ich war eher dafür, Ernst war skeptisch. Gestern an der Trauerfeier hat Peter Bichsel vom „linken Wertkonservatismus“ gesprochen, den er mit Ernst verband. Dies schimmerte wohl auch in dieser Diskussion durch. Zusammen haben wir auch das Kantonale Schwingfest Solothurn 2004 in Derendingen organisiert. Ernst war OK-Ehrenpräsident, allerdings mussten wir dann viel mehr Arbeit übernehmen als geplant. Am Schluss kam alles gut.
Ich habe Ernst viel zu verdanken. Ich werde ihn vermissen. „Adrianovitch“ pflegte Ernst in ruhigen Momenten zu sagen und hat ein süffisantes Lachen nachgeschoben. So nannte mich ausser Ernst niemand. Ich werde ihn vermissen. EL, danke für alles, AW.
Bei den Sessionsvorbereitungen im Bundeshaus (2003):

Wahlkampf mit dem Roten Pfeil am Bahnhof Olten 2007 (links neben Ernst, Nationalrat Hans-Jürg Fehr):
