Es war eine schöne Feier. Hier meine Rede. Sie finden die Rede auf meiner Homepage oder unterhalb des Fotos.
1. August-Ansprache in Thunstetten
Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident,
Sehr geehrte Frau Gemeinderätin und Herren Gemeinderäte,
Werte Mitbürgerinnen und Mitbürger von Thunstetten - Bützberg,
Liebe Kinder und Jugendlichen,
Geschätzte Bundesfeier-Besucherinnen und -Besucher
Wo ich die Einladung zur heutigen 1. August-Feier erhielt und ich die Seite 3 vom Programmheftes überflog, ist mir die grosse Überschrift „De Trueberbueb“ ins Auge gesprungen. Ich dachte im ersten Augenblick, wieso der Hockey-Club mich als „Trueberbueb“ ankündigt. Mit dem Namen „Wüthrich“ bin ich wie jeder 134. SchweizerIn heimatberechtigt in emmentalischen Trub und von daher ein „Trueberbueb“. Beim zweiten Blick wurde mir klar, dass die grossen Buchstaben die Musik nach meiner Rede ankündigen. Sie kennen es ja von einer grossen Boulevardzeitung: Was mit grossen Buchstaben geschrieben ist, beschäftigt die Leute. Politik ist nur in grossen Buchstaben geschrieben, wenn eine Politikerin das Dienstauto mit in die Ferien nimmt oder wenn ein Bundesrat etwas Ungewöhnliches sagt. Ich liefere Ihnen nun auch etwas auf Mundart…
Ich komme zum Heimatort zurück. Heute hat der öffentliche Verkehr viele Hundert Schweizerinnen und Schweizer zu einem Aktionspreis zu ihren Heimatorten gebracht. Eine gute Marketing-Aktion hat offenbar die Massen angezogen. Ich verstehe einmal, warum der öffentliche Verkehr Werbung macht. Wer durch diese Aktion den Weg nach Thunstetten gefunden hat, möchte ich speziell begrüssen.
Sie sehen, der öffentliche Verkehr bringt die Schweiz zusammen. Dabei wird die Schweiz immer kleiner: Die Menschen kommen dank neuer Tunnels und neuer Strecken schneller von A nach B. Der öffentliche Verkehr eignet sich deshalb gut als 1. August-Thema, weil wir das beste öV-System der Welt haben und Weltmeister sind im Bahnfahren. In keinem anderen Land wird der öV mehr und länger benutzt als in der Schweiz. Wir zahlen aber auch genug dafür und bauen weiter aus. Das Jahrhundertwerk NEAT am Lötschberg funktioniert (wenn der Computer nicht gerade streikt) und halb Europa hat an den Gotthard geblickt als Mitte Juni der grosse Durchstich gefeiert werden konnte. Das soll uns stolz machen. Stolz auf die Schweiz. Aber ich beende diese öV-Werbespot, weil ich weiss, dass ich in Thunstetten mit meiner öV-Euphorie etwas zurückhaltend sein muss, wenn ich an die Bahn 2000 denke.
Ich kenne Thunstetten seit meiner Geburt. Ich war oft bei meinen Grosseltern an der Dorfgasse in den Ferien und half auf dem Bauernhof. Einmal – ich kann mich noch erinnern, ich sass hier vorne rechts – habe ich zusammen mit meiner Grossmutter die 1. August-Feier hier im Schloss besucht. Es war meine erste Feier, die ich auswärts besucht habe. Ich weiss allerdings nicht mehr, wer damals gesprochen hat und wann das war. Umso mehr freut es mich, dass ich einmal im Schloss sprechen darf. Und das erst noch eine Woche bevor ich im Gartenpavillon vom Schloss meine Freundin heiraten darf. Ich bin gespannt, ob ich nächsten Freitag nervöser sein werde als bei der heutigen Rede. Es wird meine erste Heirat sein, aber heute schon meine 10. 1.August-Ansprache.
Ich bin froh, dass in Thunstetten die Tradition der 1. August-Ansprache noch gepflegt wird. Ich beobachte mit gewisser Besorgnis, dass diesem Tag die letzte politische Prise genommen wird – oder dass die Prisen einseitig aus einem politischen Lager kommen. Die Festansprachen wurden nämlich in manchen Gemeinden abgeschafft. Da wird nur noch Feuerwerk verbrannt. Eine schöne Gesellschaft. Und ein untrügerisches Zeichen dafür, dass sich unser Verhältnis zum Nationalfeiertag offenbar wandelt. Ich finde es wichtig, dass wir uns mindestens einmal im Jahr Gedanken zu unserem Bundesstaat Schweiz machen und den Zusammenhalt gemeinsam pflegen. Wo kommt die Schweiz her, wo soll sie hin gehen? Der 1. August darf aber niemand für sich alleine pachten. Einige grosse Inserate in den Zeitungen machen diesen Anschein. Jede Politikerin und jeder Politiker egal welcher Partei, ja jede Bürgerin und jeder Bürger soll am Nationalfeiertag etwas zu sagen haben. Auch heuer am 718. Geburtstag der Schweiz.
Meine diesjährigen Gedanken zum 1. August schweifen ums Thema Sicherheit. Ich bin gerade in der Ausbildung zum Kompaniekommandant der Schweizer Armee und mit dem Ressort öffentlichen Sicherheit im Gemeinderat Huttwil betraut. Deshalb habe ich mich mit der Sicherheit stark auseinandergesetzt. Die Schweiz ist für mich ein Hort der Sicherheit. Sicherheit zeichnet die Schweiz aus. Wir wurden bis jetzt von schlimmen Ereignissen wie Krieg und Attentaten verschont. Einige meinen wegen dem Réduit, dass jetzt aktuell im Fernsehen gefeiert wird. Sicher auch, aber Sicherheit haben wir auch wegen unserer Demokratie, unserem Rechtssystem und unserer Wirtschaft.
Die Sicherheit machen wir uns zu Nutze, zum Beispiel die Banken. Die Schweiz ist trotz Finanzkrise immer noch Gastgeberin für tausende von Franken ausländischer Vermögen. 2005 haben die Banken in der Schweiz ausländische Vermögen von rund drei Billionen Franken verwaltet, was schätzungsweise 30 bis 40 % des weltweiten Offshore-Vermögens entspricht. Die Welt hat ein grosses Vertrauen in uns, weil die Schweiz sicher ist und weil wir das Bankgeheimnis garantiert haben. Auch wenn wir hier an andere Staaten Konzessionen machen mussten, ist die Gefahr nicht so gross, dass wir diese Gelder wegen den neuen Steuerabkommen verlieren werden. Nicht alle dieser Gelder sind illegal in der Schweiz. Aber die Schweiz soll ihre Sicherheit nicht länger jenen zur Verfügung stellen, die in ihren Heimatstaaten Geld hinterziehen wollen. Hier müssen wir Hand bieten für Lösungen. Diese Lösungen müssen aber das Schweizer Recht berücksichtigen. Insofern ist der abgeschlossene Vergleich der UBS mit den USA von zentraler Wichtigkeit. Wir konnten unsere Interessen wahren.
Es darf nicht sein, dass andere Staaten unser Recht nicht akzeptieren, wie gedroht wurde. Jetzt konnte das Bankgeheimnis gerettet werden. Die Schweiz muss aber in Zukunft daran arbeiten, damit die internationale Legitimität und das internationale Ansehen wieder hergestellt werden. Wir müssen ehrliche Geschäfte machen. Wir sollten nicht erst auf den Druck anderer Staaten mit irgendwelchen Listen reagieren. Sondern das Heft selber in die Hand nehmen, auch wenn es anfangs etwas weh tun könnte. Dabei können wir den Schweizer Franken auch in heftigsten Zeiten der Finanzkrise als starke Währung attraktiv halten. So wird die Schweiz in der Finanzbranche auch in Zukunft als sicherer Hafen gelten.
Wir schliessen für alles Mögliche Versicherungen ab, damit wir Sicherheit haben. Und die Versicherungen schliessen wieder Versicherungen für ihre Risiken ab und so weiter. Das gleiche haben auch die Banken gemacht, bis das Kartenhaus eingestürzt ist. Auch die Sozialversicherungen sollen uns vor verschiedenen Risiken schützen. Dabei gibt es immer wieder solche, die unsere AHV, die IV und die anderen staatlichen Einrichtungen schlecht machen wollen. Ich muss Gleichaltrigen immer wieder sagen, auch meine Generation wird noch eine AHV-Rente erhalten. Gerade jetzt in wirtschaftlich schlechteren Zeiten geben die Sozialversicherungen einen wichtigen Rückhalt für unsere Wirtschaft.
Zu denken gegeben hat mir wie die Finanzkrise unseren Pensionskassen zugesetzt hat. Viele Kassen haben an den Finanzmärkten Verluste gemacht. In den letzten Wochen konnten sich die Kassen wieder etwas erholen. Angst müssen wir nicht haben, eine Rente werden wir erhalten, wenn man bei einer Pensionskasse versichert ist. Im Falle einer Pensionskassenpleite würde ein Sicherheitsfonds den notwendigen Schutz der Versicherten bieten. Die Höhe der Pensionskassenrenten ist allerdings nach der Finanzkrise nicht mehr so sicher. Viele Pensionskassen in der Schweiz haben Verluste an der Börse eingefahren und können ihre Verpflichtungen nicht mehr voll decken. Zum Ausgleich der Löcher in den Bilanzen werden die Vermögen weniger gut verzinst und die Versicherten müssen Sanierungsbeiträge leisten. Vielen Leuten ist noch nicht klar, dass die aktuelle Krise in Zukunft ihre Renten massiv verkleinert hat und noch wird. Schauen wir die Durchschnittsrenditen der vergangenen Jahre an, kann es wieder gut kommen. Ob diese Entwicklung nach der jetzigen Krise so weitergehen wird wissen wir nicht. Wenn wir uns aber nicht entmutigen in dieser Krise, wird es mit der Wirtschaft auch den Pensionskassen wieder besser gehen.
Eine Krise zeichnet sich ja dadurch aus, dass die Leute unsicher sind über den Verlauf der Zukunft. Viele Staaten haben auf den wirtschaftlichen Abschwung mit Milliarden von Franken reagiert und so die Wirtschaft unterstützt. Sie haben damit Sicherheit geben wollen. Sicherheit, dass alles wieder gut kommt. Sogar die haben nach Staatshilfe gerufen, die normalerweise gegen Staatseingriffe sind. Die Mittel des Staates sind aber beschränkt, wenn es um die Konjunktur geht. Eine Ankurbelung konnten einige Staaten sicher leisten – aber was ist nun mit ihren immensen Schulden? Diese könnten für die Weltwirtschaft auch zum Problem werden. Mit ihren Schulden ist die Schweiz im internationalen Vergleich noch heilig. Der Bundesrat hat auch wenig gemacht punkto Konjunkturprogramm und keine Schulden angehäuft. Ich hätte mit einer grösseren Kelle angerührt und mehr Sicherheit ausgesendet als unser Bundesrat. Erste Anzeichen sind ja sichtbar, dass es auch ohne Konjunkturspritze des Bundes bald wieder aufwärts geht.
Sicherheit schaffen wir mit handfesten Dingen: Der Feuerwehr, der Polizei, dem Gesundheitswesen, den vielen Pikettdiensten, wo im Falle eines Ausfalls eines Gerätes sofort zu Hilfe eilen. Wie der Sanitär bei einem Wasserrohrbruch. Oder der Zivilschutz und die vielen Zivilschutzanlagen. Sicherheit schafft auch die Armee. Wir können von Zeit zu Zeit darüber abstimmen, ob wir die Armee noch brauchen oder nicht. Solange wir aber eine Armee haben, sollte es eine sein, wo funktionieren kann. Wenn man unsere Armee nicht mehr ernst nehmen kann, können wir sie gleich abschaffen. Heute rücken junge Männer und Frauen in die Rekrutenschule ein, die mit einer computerisierten Welt aufgewachsen sind. Im Militär werden sie an Geräten ausgebildet aus den Anfängen des Kalten Krieges. Das kann nicht ernst genommen werden. Die Armeeführung hat einen ersten Schritt unternommen und will die Computerunterstützte Ausbildung ausbauen.
Meiner Meinung nach gehört zu einem souveränen und selbstsicheren Staat eine Armee. Wie diese aussehen soll, muss immer wieder neu diskutiert werden. Panzer braucht es weniger, auch auf gewisse Waffensysteme können wir verzichten. Die Luftwaffe gehört für mich sicher dazu. Wir müssen auch in der Luft unsere Souveränität durchsetzen können. Auch in diesem Augenblick überwachen zwei Jets der Luftwaffe den Schweizer Luftraum. Ich bin deshalb der Meinung, dass wir die neuen Kampfflugzeuge, die aktuell zum Kauf geprüft werden, kaufen sollten. Damit könnten wir die alten Tiger ersetzen und die Schweiz als das präsentieren was sie ist: Modern und zukunftsgerichtet. Damit hätten wir auch ein weiteres Puzzleteil für unsere Sicherheit.
Ich wünsche mir, dass wir auch in Zukunft sicher sind in unserem Land. Ein Land mit einem Service public, der für alle die gleichen Leistungen erbringt. Egal, ob er auf dem Land oder in der Stadt wohnt.
Ich wünsche mir ein Land, das mithilft den Klimawandel zu stoppen und eine Vorbild Rolle einnimmt im Klimaschutz. Aktuell tourt die grösste Schweizer Fahne durch die Schweiz und die Leute können darauf unterschreiben und so den Klimaschutz unterstützen. Diese Fahne geht dann im Dezember nach Kopenhagen, wo ein neues Klimaabkommen aller Staaten ausgehandelt wird. Ich hoffe auf ein griffiges Abkommen. Ich hoffe, dass unsere Generation die richtigen Entscheide trifft. Damit auch die nächste Generation sicher in der Schweiz leben kann.
Ich wünsche mir ein Land, das über seine Zukunft diskutiert. Wollen wir den EU-Beitritt oder nicht? Was bringt mehr Sicherheit? Ich habe mich bisher gegen den EU-Beitritt ausgesprochen. Ich merke aber je länger je mehr, dass dies wohl nicht die Zukunft ist. Wir müssen zu viele Sachen ungesprochen von der EU übernehmen. Meine Schweiz diskutiert mit und mischt sich ein und setzt sich für die eigenen Anliegen ein. Die Diskussion müssen wir führen und die Vor- und Nachteile gut abwägen.
Und zum Schluss wünsche ich Ihnen - werte Anwesende - alles Gute und viel Sicherheit! Weiterhin einen schönen 1. August.
Adrian Wüthrich, Gemeinderat, Huttwil